Deutsche Lufthansa der DDR und Interflug
Ausweich-Flugplatz für Erfurt-Bindersleben - Eisenach ist Internationaler Verkehrsflughafen!
Oktober 1959 bis April 1961: Der Flughafen Erfurt-Bindersleben hat nur eine Start- und Landebahn aus Stahl-Matten, die Abfertigung entspricht auch nicht mehr den Erfordernissen. Man entscheidet nun, dass Bindersleben von Grund auf neu gebaut werden muss. Also musste man in Erfurt den Flugbetrieb einstellen. Das Einstellen des Flugbetriebes lag aber nicht im Interesse der Mitarbeiter des Flughafens - man hatte sich ja etwas geschaffen, und etwa 2 Jahre keinen Flugbetrieb bedeuteten auch wirtschaftlich einen großen Rückschritt. Aber es kam Hilfe von "unseren Freunden"! Hans Reisse aus Wenigenlupnitz bei Eisenach, einer der Erfurter Fluglotsen, der durch sowjetische Gefangenschaft sehr gut die russische Sprache beherrschte, fragte einen zufällig in Erfurt weilenden hohen sowjetischen General eher im Spaß, ob man denn aufgrund der geplanten Bauarbeiten den relativ neuen Militär-Flugplatz auf dem Kindel* bei Eisenach benutzen könnte. Der General sagte sofort zu: "da wird der Flugplatz wenigstens gepflegt" soll er gesagt haben.Erich Manthey, damals Verkehrsleiter am Flughafen Erfurt und später in Eisenach, stellt uns die Aktion aus seiner Sicht dar:Als Hans Reiße die Variante „Künkel“ ins Gespräch gebracht hatte, war ich einer der eifrigsten Verfechter der zeitweisen Verlegung des Flugbetriebs nach Eisenach. Schließlich ging es um das, was wir mühsam aufgebaut hatten. Außerdem war so die längerfristige Versetzung der meisten Mitarbeiter an andere Flughäfen mit all ihren sozialen Auswirkungen vermeidbar.
Nachdem ich die Meinung erfahrener Flugzeugführer zur Durchführbarkeit aus ihrer Sicht erfragt und von ihnen durchweg positive Stellungnahmen erhalten hatte, spannte ich mich vorbehaltlos mit vor den “Karren“. Die Entscheidung lag jedoch nicht bei uns. Die offizielle Genehmigung dazu hätte von der Direktion der DLH bei den sowjetischen Stellen beschafft werden müssen und zwar sehr schnell, denn uns saß unerbittlich die Zeit im Nacken.
In der Direktion gab es aber Bedenken. Einerseits hinsichtlich der politischen Sicherheit in Anbetracht der nahen Staatsgrenze und andererseits auch die Flugsicherheit betreffend. Bald gewannen wir den Eindruck, daß die Angelegenheit bewußt verschleppt wurde, um sowohl einer offenen Ablehnung als auch der aus einer Zustimmung resultierenden Verantwortung „elegant“ aus dem Wege gehen zu können.
Als unser Flughafenleiter, Herr Daßler von einer Dienstreise nach Berlin wieder ohne konkretes Ergebnis zurückkam, eskalierte die Situation so, daß ich mit dem Mandat aller Beschäftigten des Flughafens mit der nächsten Maschine nach Berlin geschickt wurde, um einen letzten Versuch zu unternehmen, die Genehmigung doch noch zu erhalten. Zu meiner Unterstützung flog Hans Krause, ehrenamtlicher Sekretär unserer
Betriebsparteiorganisation der SED, mit. Herr Krause war beruflich als Funker am Platz tätig. In Gesprächen mit dem Stellvertreter des Generaldirektors, Heiland und anschließend mit dem Generaldirektor, Arthur Pieck, wandelte sich unser Eindruck in die Überzeugung, daß von ihnen keine Unterstützung zu erwarten war.
Was nun tun?
Da kam uns die eigentlich aberwitzige und auch nicht ungefährliche Idee zu versuchen, den damals mächtigsten Mann der DDR, den 1. Sekretär des Zentralkomitees der SED, Walter Ulbricht mit der Angelegenheit zu konfrontieren und um seine Hilfe zu bitten.
Ich sehe noch immer die erstaunten und ungläubigen Augen des Offiziers der Wache, als wir unser Anliegen an der Pforte vorgetragen hatten. Er schien aber begriffen zu haben, daß wir meinten, was wir sagten. Nach vielen Telefonaten teilte er uns mit, daß Walter Ulbricht leider durch andere Termine nicht in der Lage sei, uns zu empfangen, der Sekretär des ZK und Stellvertreter Ulbrichts, Hermann Matern uns aber anhören werde.
Hermann Matern ließ uns unser Anliegen vortragen. Er macht sich die eine oder andere Notiz. Abschließend stellte er einige Ergänzungsfragen, die auf eine erstaunliche Sachkenntnis schließen ließen. Er verabschiedete uns mit der Versicherung, daß er unser Anliegen als wichtig betrachte, sich um eine Lösung bemühen werde, warnte aber vor überzogenen Hoffnungen, da es für die Lösung weder Rechtsvorschriften noch bilaterale Vereinbarungen zwischen der Sowjet-Union und der DDR gebe. Etwa 24 Stunden nach diesem Gespräch erhielten wir die Anweisung, die Verlegung des Flugbetriebs nach Eisenach vorzubereiten.
Der Rest ist Geschichte.
Ebenso gab es eine Busverbindung aus dem Raum Meiningen.
Präsenz sowjetischer Flieger
Man war übrigens nicht allein auf dem Kindel: auch die Luftwaffe der Sowjetunion (GSSD) flog zu der Zeit häufig den Platz an, z.B. mit Lisunow Li-2 (Eine sowjetische Lizenz-Douglas DC-3), Mi-4 Hubschrauber auch ebenfalls Iljuschin IL-14. Auch Transportflugzeuge waren während Manöver im Einsatz. Herr Horst Materna, seines Zeichens Flugkapitän bei der Deutschen Lufthansa der DDR und der Interflug, später bei Interflug Verkehrsleiter, hat selber mindestens 3 Antonow AN-8 gesehen. Einige andere Leute, welche in der Nähe des Flugplatzes wohnten, sprachen auch in spätere Zeit von Transportflugzeugen, allerdings können sie keine Angaben über eingesetzte Typen machen. Sicher ist bisher nur, das Zeitweise Hubschrauber vom Typ Mi-8, Mi-24 und seltener auch Mi-6 auf dem Platz waren (Der Autor hat den Anflug selber gesehen).
Wettermäßig hatte der Eisenacher Platz sogar einen Vorteil gegenüber Erfurt: nur 2 Tage im Jahr, an denen kein Flugwetter herrschte.
Beinahe-Unfall
Aber - wo Licht, da auch Schatten: einen Beinahe-Unfall hatte man im Flugbetrieb auch zu verzeichnen.Am 2.September 1960 hatte die Iljuschin IL-14 mit dem Kennzeichen DM-SBI während der Landung einen Reifenplatzer. Da der Pilot annahm, das die Länge der Landebahn eventuell nicht ausreichen würde, riss er die Maschine weit früher in Höhe des oberen Rollwegs nach Rechts herum. Dabei versanken die Fahrwerke aber im Schlamm. Die Maschine schaffte es nicht aus eigener Kraft aus dem Morast heraus. Zwei LKW G5 der NVA zogen die IL-14 wieder auf den Beton. Es gab aber keine verletzten Passagiere und das Flugzeug wurde nicht sehr stark beschädigt. Die Maschine wurde anschließend ohne Passagiere nach Berlin-Schönefeld überführt.
Rundflüge
Und dann gab es noch die Flugtage, wo man mit Rundflügen versuchte, den Menschen die Vorteile einer Flugreise näher zu bringen. Diese Rundflüge auf den Flugplätzen Eisenach-Kindel, Schlotheim-Obermehler und Bad Langensalza wurden zumeist von Erich Manthey organisiert. Hierbei wurden die Flugzeug-Typen Aero-45s und die Antonow AN-2 benutzt. Aber auch die IL-14 kam zum Einsatz. Eine Aero-45s und 4 AN-2, alles Ex-DDR Maschinen, werden heute von der Firma Classic-Wings betrieben - in Original DDR-Lufthansa-Lackierung!Leider war Fotografieren auf dem Kindel verboten, da der Platz ja militärisches Sperrgebiet war. Sollten Sie dennoch Informationen oder gar Bilder haben, nehmen Sie bitte mit mir Kontakt auf.
Genaue Passagierzahlen sind momentan nicht verfügbar. Nach einigen Quellen sollen es 35000 Passagiere gewesen sein. Diese Zahlen sind aber mit Vorsicht zu Genießen. Es ist nicht bekannt, ob man nur Linien-Passagiere zählte, oder ob alles zusammen, oder....
Am 24.April 1961 hieß es dann wieder Tschüss, Eisenach. Der Flugverkehr wurde mit einer neuen SLB in Erfurt-Bindersleben wiedereröffnet.






















