Luftfahrt-EisenachGeschichteLufthansa und Interflug

Deutsche Lufthansa der DDR und Interflug

Ausweich-Flugplatz für Erfurt-Bindersleben - Eisenach ist Internationaler Verkehrsflughafen!

Oktober 1959 bis April 1961: Der Flughafen Erfurt-Bindersleben hat nur eine Start- und Landebahn aus Stahl-Matten, die Abfertigung entspricht auch nicht mehr den Erfordernissen. Man entscheidet nun, dass Bindersleben von Grund auf neu gebaut werden muss. Also musste man in Erfurt den Flugbetrieb einstellen. Das Einstellen des Flugbetriebes lag aber nicht im Interesse der Mitarbeiter des Flughafens - man hatte sich ja etwas geschaffen, und etwa 2 Jahre keinen Flugbetrieb bedeuteten auch wirtschaftlich einen großen Rückschritt. Aber es kam Hilfe von "unseren Freunden"! Hans Reisse aus Wenigenlupnitz bei Eisenach, einer der Erfurter Fluglotsen, der durch sowjetische Gefangenschaft sehr gut die russische Sprache beherrschte, fragte einen zufällig in Erfurt weilenden hohen sowjetischen General eher im Spaß, ob man denn aufgrund der geplanten Bauarbeiten den relativ neuen Militär-Flugplatz auf dem Kindel* bei Eisenach benutzen könnte. Der General sagte sofort zu: "da wird der Flugplatz wenigstens gepflegt" soll er gesagt haben.
Die IL-14P DM-SAE beim Überflug
Die IL-14P DM-SAE beim Überflug
Eisenacher Post für Berlin
Eisenacher Post für Berlin
Lufthansa DM-SBY rollt zum Start
Lufthansa DM-SBY rollt zum Start
Rundflugeinsatz in Schlotheim
Rundflugeinsatz in Schlotheim
Urlauber aus Suhl vor dem Start nach Barth
Urlauber aus Suhl vor dem Start nach Barth
In Erwartung eines hohen sowjetischen Generals im Jahre 1960.
In Erwartung eines hohen sowjetischen Generals im Jahre 1960.
Allerdings gab es in der Angelegenheit Widerstände zu überwinden. Lassen wir Zeitzeugen berichten.
Erich Manthey, damals Verkehrsleiter am Flughafen Erfurt und später in Eisenach, stellt uns die Aktion aus seiner Sicht dar:
Als Hans Reiße die Variante „Künkel“ ins Gespräch gebracht hatte, war ich einer der eifrigsten Verfechter der zeitweisen Verlegung des Flugbetriebs nach Eisenach. Schließlich ging es um das, was wir mühsam aufgebaut hatten. Außerdem war so die längerfristige Versetzung der meisten Mitarbeiter an andere Flughäfen mit all ihren sozialen Auswirkungen vermeidbar.

Nachdem ich die Meinung erfahrener Flugzeugführer zur Durchführbarkeit aus ihrer Sicht  erfragt und von ihnen durchweg positive Stellungnahmen erhalten hatte, spannte ich mich vorbehaltlos mit vor den “Karren“. Die Entscheidung lag jedoch nicht bei uns. Die offizielle Genehmigung dazu hätte von der Direktion der DLH bei den sowjetischen Stellen beschafft werden müssen und zwar sehr schnell, denn uns saß unerbittlich die Zeit im Nacken. 

In der Direktion gab es aber Bedenken. Einerseits hinsichtlich der politischen Sicherheit in Anbetracht der nahen Staatsgrenze und andererseits auch die Flugsicherheit betreffend. Bald gewannen wir den Eindruck, daß die Angelegenheit bewußt verschleppt wurde, um sowohl einer offenen Ablehnung als auch der aus einer Zustimmung resultierenden  Verantwortung „elegant“ aus dem Wege gehen zu können.
Als unser Flughafenleiter, Herr Daßler von einer Dienstreise nach Berlin wieder ohne konkretes Ergebnis zurückkam, eskalierte die Situation so, daß ich mit dem Mandat aller Beschäftigten des Flughafens mit der nächsten Maschine nach Berlin geschickt wurde, um einen letzten Versuch zu unternehmen, die Genehmigung doch noch zu erhalten. Zu meiner Unterstützung flog Hans Krause, ehrenamtlicher Sekretär unserer
Betriebsparteiorganisation der SED, mit. Herr Krause war beruflich als Funker am Platz tätig. In Gesprächen mit dem Stellvertreter des Generaldirektors, Heiland und anschließend mit dem Generaldirektor, Arthur Pieck, wandelte sich unser Eindruck in die Überzeugung, daß von ihnen keine Unterstützung zu erwarten war.

Was nun tun? 
Da kam uns die eigentlich aberwitzige und auch nicht ungefährliche Idee zu versuchen, den damals mächtigsten Mann der DDR, den 1. Sekretär des Zentralkomitees der SED, Walter Ulbricht mit der Angelegenheit zu konfrontieren und um seine Hilfe zu bitten.

Ich sehe noch immer die erstaunten und ungläubigen Augen des Offiziers der Wache, als wir unser Anliegen an der Pforte vorgetragen hatten. Er schien aber begriffen zu haben, daß wir meinten, was wir sagten. Nach vielen Telefonaten teilte er uns mit, daß Walter Ulbricht leider durch andere Termine nicht in der Lage sei, uns zu empfangen, der Sekretär des ZK und Stellvertreter Ulbrichts, Hermann Matern uns aber anhören werde.

Hermann Matern ließ uns unser Anliegen vortragen. Er macht sich die eine oder andere Notiz. Abschließend stellte er einige Ergänzungsfragen, die auf eine erstaunliche Sachkenntnis schließen ließen. Er verabschiedete uns mit der Versicherung, daß er unser Anliegen als wichtig betrachte, sich um eine Lösung bemühen werde, warnte aber vor überzogenen Hoffnungen, da es für die Lösung weder Rechtsvorschriften noch bilaterale Vereinbarungen zwischen der Sowjet-Union und der DDR gebe. Etwa 24 Stunden nach diesem Gespräch erhielten wir die Anweisung, die Verlegung des Flugbetriebs nach Eisenach vorzubereiten. 

Der Rest ist Geschichte.
Kurz darauf flog die Deutsche Lufthansa der DDR einen Abnahmeflug. Bei diesem Flug dabei war auch Hans Reiße aus Eisenach, welcher auf dem Kindel der zuständige Fluglotse und später Flugbetriebsleiter werden sollte. Es gab aber für einen zivilen Flugbetrieb auf dem Kindel keinerlei Abfertigungsgebäude oder gar ein Instrumenten-Lande-System. Man musste also Improvisieren. Zunächst hatte man einen "Mobil-Tower", also eine Flugleitung auf einem LKW. Bald baute man eine provisorische Flugleitung auf und installierte einen Funk-Peiler. Die ersten Flüge verliefen recht ungewöhnlich: Zuerst meldete sich die Flugzeug-Besatzung beim Tower in Erfurt, da Eisenach keine richtige Infrastruktur besaß, war die Erfurter Tower weiterhin in Betrieb, dann flog man gradlinig nach einem Überflug von Erfurt nach Eisenach zum Kindel. Dabei gab es eine eindeutige Regel: sollte man vom Kurs abweichen, beispielsweise wegen Nebel, so ist sofort Kurs zurück nach Erfurt zu nehmen und anschliessend nach Schönefeld, Leipzig oder Berlin zu Fliegen. Die "Freunde" überließen uns außerdem einige Gebäude für die Abfertigung, welche in 1960 etwa 100 Passagiere gleichzeitig abfertigen konnte.
Die spätere provisorische Flugleitung
Die spätere provisorische Flugleitung
Der "Mobil-Tower" auf LKW-Basis
Der "Mobil-Tower" auf LKW-Basis
Lageplan Flugplatz Eisenach-Kindel um 1960
Lageplan Flugplatz Eisenach-Kindel um 1960
Linienflüge verbanden Eisenach nun mit Berlin (IL14), Dresden (IL-14) und Barth (IL-14) bei Stralsund. Es soll aber auch Flüge nach Leipzig (AN-2) und Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz; AN-2) gegeben haben, ob das Post-oder Passagierflüge waren, oder ob es eine bisher nirgends erwähnte Linienverbindung war, ist Unklar. Auch einige Charterflüge gab es, zum Beispiel nach Budapest mit der ungarischen Fluggesellschaft Malev. Auch Frachtflüge wurden offenbar rege genutzt, man flog für viele in der Region tätigen Firmen. 1960 kam ein hochrangiger General nach Eisenach mit "einem großen Flugzeug". Allerdings ist bisher Unklar, welcher General das war (es gibt mehrere differierende Aussagen) noch ist bekannt, was für ein Flugzeug er nutzte. Am 12.Juni 1960 gab es sogar "Westbesuch" auf dem Flugplatz Eisenach: die Zeitung "Das Volk" berichtet über den Empfang britischer Unterhaus-Abgeordneter der Labour-Party (Liberale Partei) in Eisenach. Damit Erfurt flugtechnisch nicht ganz abgeschnitten war, richtete man Buslinien ein, welche von Erfurt über Gotha nach Eisenach fuhren.
Ebenso gab es eine Busverbindung aus dem Raum Meiningen.

Präsenz sowjetischer Flieger

Man war übrigens nicht allein auf dem Kindel: auch die Luftwaffe der Sowjetunion (GSSD) flog zu der Zeit häufig den Platz an, z.B. mit Lisunow Li-2 (Eine sowjetische Lizenz-Douglas DC-3), Mi-4 Hubschrauber auch ebenfalls Iljuschin IL-14. Auch Transportflugzeuge waren während Manöver im Einsatz. Herr Horst Materna, seines Zeichens Flugkapitän bei der Deutschen Lufthansa der DDR und der Interflug, später bei Interflug Verkehrsleiter, hat selber mindestens 3 Antonow AN-8 gesehen. Einige andere Leute, welche in der Nähe des Flugplatzes wohnten, sprachen auch in spätere Zeit von Transportflugzeugen, allerdings können sie keine Angaben über eingesetzte Typen machen. Sicher ist bisher nur, das Zeitweise Hubschrauber vom Typ Mi-8, Mi-24 und seltener auch Mi-6 auf dem Platz waren (Der Autor hat den Anflug selber gesehen).
Wettermäßig hatte der Eisenacher Platz sogar einen Vorteil gegenüber Erfurt: nur 2 Tage im Jahr, an denen kein Flugwetter herrschte.

Beinahe-Unfall

Die DM-SBI zwischen den Rollbahnen
Die DM-SBI zwischen den Rollbahnen
Das gesamte Fahrwerk steckt im Schlamm
Das gesamte Fahrwerk steckt im Schlamm
Aber - wo Licht, da auch Schatten: einen Beinahe-Unfall hatte man im Flugbetrieb auch zu verzeichnen.
Am 2.September 1960 hatte die Iljuschin IL-14 mit dem Kennzeichen DM-SBI während der Landung einen Reifenplatzer. Da der Pilot annahm, das die Länge der Landebahn eventuell nicht ausreichen würde, riss er die Maschine weit früher in Höhe des oberen Rollwegs nach Rechts herum. Dabei versanken die Fahrwerke aber im Schlamm. Die Maschine schaffte es nicht aus eigener Kraft aus dem Morast heraus. Zwei LKW G5 der NVA zogen die IL-14 wieder auf den Beton. Es gab aber keine verletzten Passagiere und das Flugzeug wurde nicht sehr stark beschädigt. Die Maschine wurde anschließend ohne Passagiere nach Berlin-Schönefeld überführt.

Rundflüge

Und dann gab es noch die Flugtage, wo man mit Rundflügen versuchte, den Menschen die Vorteile einer Flugreise näher zu bringen. Diese Rundflüge auf den Flugplätzen Eisenach-Kindel, Schlotheim-Obermehler und Bad Langensalza wurden zumeist von Erich Manthey organisiert. Hierbei wurden die Flugzeug-Typen Aero-45s und die Antonow AN-2 benutzt. Aber auch die IL-14 kam zum Einsatz. Eine Aero-45s und 4 AN-2, alles Ex-DDR Maschinen, werden heute von der Firma Classic-Wings betrieben - in Original DDR-Lufthansa-Lackierung!

Leider war Fotografieren auf dem Kindel verboten, da der Platz ja militärisches Sperrgebiet war. Sollten Sie dennoch Informationen oder gar Bilder haben, nehmen Sie bitte mit mir Kontakt auf.

Ende eines Rundflugtages
Ende eines Rundflugtages
AN-2 DM-SKC mit Rechteckfenster.
AN-2 DM-SKC mit Rechteckfenster.
Als Unterkunft für DHL-Personal diente diese Gebäude auf dem Kindel
Als Unterkunft für DHL-Personal diente diese Gebäude auf dem Kindel
Tanken
Tanken
Einsteigen
Einsteigen
Rollen zum Start
Rollen zum Start
Gespräche nach der Landung.
Gespräche nach der Landung.
Einstieg zum Rundflug.
Einstieg zum Rundflug.
Nach 40 Jahren landet wieder eine Aero-45s in EDGE
Nach 40 Jahren landet wieder eine Aero-45s in EDGE

Genaue Passagierzahlen sind momentan nicht verfügbar. Nach einigen Quellen sollen es 35000 Passagiere gewesen sein. Diese Zahlen sind aber mit Vorsicht zu Genießen. Es ist nicht bekannt, ob man nur Linien-Passagiere zählte, oder ob alles zusammen, oder....

Am 24.April 1961 hieß es dann wieder Tschüss, Eisenach. Der Flugverkehr wurde mit einer neuen SLB in Erfurt-Bindersleben wiedereröffnet.

Werbung